Genialität liegt im Einfachen  (Leonardo da Vinci)


Das Lung Hu Chuan besteht aus einer sehr kleinen Anzahl von einfachen Techniken, die so geformt werden, dass sie sich jeder möglichen Situation optimal anpassen.Vergleichbar mit der Kreativität eines Komponisten der mit dem  relativ einfachen Prinzip von nur acht Tönen (Oktave) beinahe unendlich viele Melodien kreiert, dienen beim Lung Hu Chuan nur acht Bewegungselemente (Ba Men) als Basis für alle Verteidigungs- und Angriffstechniken. Sie basieren auf der Überlegung den technischen Umfang des Kampfsystems so gering und einfach wie möglich zu halten.
So kann eine rasche Erlernbarkeit und frühe Perfektionierung gewährleistet werden


Um die notwendige Anzahl der Techniken zu ermitteln strukturierte man die Bewegungselemente gemäß von Angriffszonen.So unterteilt man den Oberkörper in vier verschiedene Sektoren.
Man unterscheidet in Angriffe auf die linke oder rechte Körperhälfte sowie über- oder unterhalb des Ellbogens (Schema der Angriffszonen). Zum Schutz oder Angriff eines jeden definierten Sektors  muss mindestens eine Bewegung zur Verfügung gestellt werden.


Derartige Schemata sind, über das Lung Hu Chuan hinaus, in den meisten Kampfkünsten üblich.Oft folgt man denselben Konzept teilt aber in unterschiedlich viele Sektoren in Karate sind es z.B. sechs (die Levels Jodan, Chudan und Gedan, links und rechts) in vielen philippinischen Stilen (Arnis, Kali etc.) sind es manchmal auch 12 oder 24 Sektoren welche dort als „Angriffswinkel“ definiert werden.


Die folgenden Abbildungen zeigen Beispiele für die Verwendung divergenter Angriffswinkel aus philippinischen Stilen.



Alternativ müsste man jeder möglichen Angriffsbewegung einen passenden Konter gegenüberstellen.  Der Zuwachs an Komplexität und Umfang währe dabei allerdings so enorm, dass ein solcherart strukturiertes Kampfsystems nicht überschaubar geschweige denn erlernbar wäre. Wobei ich nicht in Abrede stellen will, dass derartige Kampfsysteme existieren und sich wachsender Beliebtheit erfreuen.
„Je mehr desto besser“, ist eben ein immer noch dominierendes Dogma unserer Gesellschaft, die sich nur schwer mit Prinzip „Qualität vor Quantität“ anfreunden kann.


Gemäß der taoistischen Philosophie sind Angriff und Verteidigung lediglich unterschiedliche Betrachtungen desselben Geschehens. So kann jedes der acht Elemente des Lung Hu Chuan sowohl als Verteidigung wie auch als Angriff interpretiert werden. Die Bewegungen sind identisch, wodurch die Anzahl der zu erlernenden Techniken enorm reduziert werden kann. Bereits die in den vier Diagonalen des Ba Men Diagramms dargestellten Elemente, bilden eine solide Basis für Angriff und  Verteidigung.
Insgesamt werden jedoch acht Bewegungen gebraucht, unter anderen weil der Kraft des Gegners nicht immer direkt begegnet werden kann.


Die unten stehende Tafel gibt mit den dazugehörigen Videos (Bild anklicken) einen Einblick in die Funktion der acht Bewegungselemente im Lung Hu Chuan.

Die 8 Grundlegenden Möglichkeiten des Lung Hu Chuan


Darüber hinaus steht es jedem Praktizierenden frei seine eigenen Gedanken und Ideen einzubringen und zu verwirklichen. So entwickelt  jeder Übende anhand seiner persönlichen Erfahrung seinen eigenen individuellen Stil.
Als Anregung können auch Techniken aus anderen Systemen wie z.B. den drei Ursprüngen (Tai Chi Chuan, Hsing I Chuan und Pa Kua Zhang) verwendet werden.  Doch sollte man sich in der Auswahl auf einige wenige individuell angepasste Möglichkeiten beschränken.Indem wir  uns alle an denselben anatomischen Gesetzmäßigkeiten orientieren, werden sich die Unterschiede, in den Techniken diverser Kampfstile, in Grenzen halten. Somit ist es nicht weiter verwunderlich wenn man in verschiedenen Stilen immer wieder gleiche oder zumindest ähnliche Techniken findet. Schließlich wird die große Anzahl der bekannten Kampfkunststile nur aus einer kleinen Menge sinnvoller Konzepte gebildet.


Tatsächlich ist das was wir als Stil bezeichnen nichts weiter als eine Mischung und individuelle Interpretation dieser Konzepte durch bekannte Meister, deren Schüler meist die Techniken ihrer Lehrer nachahmen ohne die dahinterstehen Prinzipien zu verstehen und sich danach gegenseitig vorwerfen den Tradition nicht zu genügen.Wer die Konzeption der Kampfkunststile im Allgemeinen versteht, findet seinen eigenen Weg und kann auf jeglichen Stil verzichten!Die Aufgabe eines Kampfkunststils, ebenso wie eines Kampfkunstlehrers  ist es lediglich eine Plattform zu schaffen die es dem Schüler ermöglicht, anhand von persönlicher Erfahrung diese Prinzipien zu erlernen, oder besser ausgedrückt sie für sich selbst zu entdecken. Am Ende muss sich aber jeder von den Fesseln seines Stil befreien um ungebunden, daher eigenständig zu Agieren. Ähnlich wie ein Kind das Elternhaus verlässt um selbstständig und erwachsen zu werden.